Zoonosen
Planet Wissen. 26.07.2024. 02:43 Min.. Verfügbar bis 12.06.2025. ARD-alpha.
Tiermedizin
Zoonosen – wenn Tiere uns krank machen
Zoonosen sind Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen können und umgekehrt. Viele der Krankheiten kommen mit Tieren aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum zu uns.
Von Cora Richter
Mehr als 250 bekannte Erreger
Jährlich werden rund 500.000 Hunde aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum importiert, da wir den Bedarf an Haustieren durch eigene Zucht allein nicht decken können. Was vielen Hundefreunden nicht bewusst ist: Mit den Tieren kommen auch Krankheitserreger zu uns, die gefährlich werden können. Darunter sind auch auch sogenannte Zoonosen.
Inzwischen sind mehr als 250 Zoonose-Erreger bekannt, die sowohl Tiere als auch uns Menschen befallen können. Sie stammen aus allen vier Gruppen: Viren, Bakterien, Parasiten und Pilzen. Manche Infektionskrankheiten springen nur vom Tier auf den Menschen über, andere vom Menschen auf Tiere.
Viele Erreger können jedoch beide Wege einschlagen. Durch Globalisierung, Klimawandel und Tiertourismus kommen fast täglich neue Zoonosen dazu und die Experten sind sich einig, dass wir Menschen in Zukunft häufiger mit Zoonosen in Kontakt kommen werden.

Manche Erreger springen vom Tier auf den Menschen über
Der Fuchsbandwurm
Der Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) hat sich mittlerweile in ganz Deutschland ausgebreitet. Da die Tollwut in Deutschland seit 2008 ausgerottet ist, hat sich die Fuchspopulation stark vermehrt. So sind in einigen Regionen mehr als 70 Prozent der Füchse mit dem Fuchsbandwurm befallen. Etwa zwei Drittel der befallenen Patienten stammen aus Baden-Württemberg und Bayern.
Der Fuchsbandwurm hat über Tausende von Jahren eine erstaunliche Überlebens- und Verbreitungsstrategie entwickelt. Die erwachsenen Würmer sind maximal vier Millimeter lang und leben im Dünndarm von Füchsen. Dort ernähren sie sich vom Nahrungsbrei und vermehren sich über Eier, die mit dem Kot ausgeschieden werden. Die Eier bleiben oft noch monatelang infektiös.

Der nur wenige Millimeter große Fuchsbandwurm lebt im Dünndarm von Füchsen
Mäuse und andere Kleinsäuger nehmen die Eier dann auf, zum Beispiel über ihre Nahrung. Die Larven schlüpfen in den Gedärmen der Maus aus ihren Eiern, durchbohren die Darmwand und befallen anschließend andere Organe, meist die Leber. Durch die langsame Zerstörung der Organe werden die Mäuse schwächer und damit zur leichten Beute für Füchse. So kann der Kreislauf von neuem beginnen.
Aber auch Hunde und Katzen können infizierte Mäuse fressen und die Eier dann an uns Menschen weitergeben. Dafür reicht es schon, das eigene Haustier zu streicheln, wenn dieses vom Fuchsbandwurm befallen ist – und im Anschluss mit ungewaschenen Händen den Mund zu berühren.
Jährlich infizieren sich in Deutschland mehr als einhundert Menschen pro Jahr mit dem Parasiten und leiden danach unter der sogenannten "alveolären Echinokokkose". Hierbei entstehen die bläschenartigen Finnen in der Leber und zerstören diese. Seltener befallen sie auch Lunge und Gehirn. Unbehandelt wuchern die Larven in der menschlichen Leber, bis es zum Organversagen kommt.
Ansteckungsgefahr durch Haustiere
Die weitaus größte Ansteckungsgefahr für Menschen liegt beim eigenen Haustier, vor allem bei Hunden – und nicht, wie oft angenommen, beim Beeren- oder Pilzesammeln. Hunde können Kot mit ausgeschiedenen Eiern direkt aufnehmen oder sich darin wälzen.
Da die meisten infizierten Hunde im engen Kontakt mit dem Besitzer leben, ist es die gleiche Situation, als würde man direkt mit einem befallenen Fuchs kuscheln. Auch infizierte Katzen können den Fuchsbandwurm auf den Menschen übertragen.

Die blasenartigen Wucherungen einer befallenen Hundeleber
Grundsätzlich gilt die alte Hygieneregel: Regelmäßig Hände waschen! Vor allem
- nach dem Waldbesuch
- nach dem Streicheln eines Hundes oder einer Katze
- vor dem Essen
- nach der Gartenarbeit, da man eventuell Kontakt mit verseuchter Erde hatte.
Außerdem sollten die eigenen Haustiere unbedingt regelmäßig entwurmt werden. Das wird allerdings oft vernachlässigt. Denn jeder Halter ist überzeugt: Mein Haustier ist sauber! Ein fataler Fehler.
Empfohlen wird eine monatliche Entwurmung, um einen Befall mit dem Fuchsbandwurm zu verhindern. Und Haustiere, die sich viel im Wald aufhalten, sollten erst recht nicht mit ins Bett genommen werden.
Bis zu 15 Jahre Inkubationszeit
Das Tückische am Fuchsbandwurm ist die lange Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Symptome. Sie kann bei uns Menschen bis zu 15 Jahre betragen, denn die Larven wachsen sehr langsam! Ein langer Zeitraum, in dem wir von der Infektion nichts merken. Der Befall verläuft lange schmerz- und beschwerdefrei.
Meist wird der Parasit dann zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt und damit nicht selten zu spät. Die Symptome einer Fuchsbandwurm-Infektion (Echinokokkose) sind mit Druckgefühl, Schmerzen im Oberbauch, Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber und Blutarmut unspezifisch.
In Deutschland ist die Universitätsklinik Ulm bei einer Echinokokkose ein guter Anlaufpunkt. Die Diagnose wird per Ultraschall gestellt, kombiniert mit Blutuntersuchung auf Antikörper. Oft kommen noch weitere bildgebende Verfahren wie Computer-Tomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz.
Ist die operative Entfernung nicht möglich, erwartet den Patienten meist eine lebenslange Medikamenten-Therapie. Das Medikament verhindert die weitere Ausbreitung des Parasiten.
In vielen Fällen wird die Fuchsbandwurm-Infektion übrigens sowohl beim Menschen als auch beim Hund irrtümlich als Lebertumor fehldiagnostiziert! Daher ist die Dunkelziffer der Betroffenen deutlich höher. Dank moderner Medizin muss heute fast niemand mehr am Fuchsbandwurm sterben. Was bleibt, ist der Schock, dass in der eigenen Leber ein Parasit gewachsen ist.
Herzwürmer & Co.
Auch Fadenwürmer (Dirofilarien) wandern meist mit Hunden zu uns ein – entweder bei Auslands-Tieradoptionen oder auch mit dem eigenen Haustier bei einem Urlaub im Ausland. Dazu gehören der Herzwurm, der orientalische Augenwurm und der Haut- oder Zungenwurm.
Außer Hunden können auch Katzen und viele andere Säugetiere eine Herzwurminfektion (Dirofilariose) bekommen. Oft werden die Parasiten von Stechmücken übertragen: Sie saugen die Herzwurm-Larven zusammen mit dem Blut eines befallenen Tieres auf und geben sie beim nächsten Stich weiter. Und zwar nicht nur an Tiere: Auch Menschen können sich durch solche Mückenstiche infizieren. Für immungeschwächte Personen ist das durchaus eine Gefahr.
Zu den Symptomen gehören Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, chronischer Husten, schnelle Ermüdung und Herzinsuffizienz. Die Herzwürmer verstopfen die kleinsten Blutgefäße, dies führt zu einer mangelnden Sauerstoffversorgung. Je nach Ausmaß kann der Herzwurmbefall auch tödlich enden.

Ein mit Herzwürmern befallenes, plastiniertes Hundeherz
Ursprünglich stammt der Herzwurm aus Süd- und Südosteuropa. Inzwischen breitet er sich auch in anderen Regionen aus – begünstigt durch den Klimawandel und die hohe Zahl von Reise- und Importhunden.
Wer sein Tier vor einer Reise in das Ausland schützen will, sollte sich rechtzeitig vor Reiseantritt von seinem Tierarzt beraten lassen. Vorbeugen gegen eine Herzwurm- und Hautwurminfektion kann man mit permethrin- und flumethrinhaltigen Spot ons oder Halsbändern.
Übertragungen von Mensch auf Tier
Bei Prof. Achim Gruber an der Freien Uni Berlin landen auch regelmäßig Zoonosen-Fälle auf dem Seziertisch. Einen Fall hat der Tierpathologe nie vergessen: Ein zehnjähriges Mädchen kam tränenüberströmt mit seinem toten Chinchilla zu ihm. Gruber konnte ihm nur noch erklären, woran das Chinchilla gestorben war: Das Mädchen hatte ungewollt mit einem Kuss sein geliebtes Chinchilla mit dem Lippenherpesvirus infiziert.
Denn bei Kaninchen und Chinchillas kann das menschliche Lippenherpesvirus schnell eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung verursachen. Was viele Haustierbesitzer auch nicht wissen: Tuberkulose (TBC) ist von Mensch auf Tier übertragbar und kann dann bei unseren Haustieren als Lungentumor fehldiagnostiziert werden.
(Erstveröffentlichung 2017. Letzte Aktualisierung 03.03.2020)
Quelle: SWR